Meine Privilegien als weißer, akademischer Cis-Mann in Namibia

September 18, 2022 • 5 min to read • 🇩🇪 • Namibia
Content

Da ich als weißer, deutscher, akademischer Cis-Mann1 nach Namibia gereist bin, werden mir einige Privilegien zuteil, die andere Menschen hier nicht haben. Dieser Privilegien sollte man sich hier zumindest bewusst sein. In diesem Post versuche ich einmal zu reflektieren, welche Privilegien ich habe. Die Auflistung ist sicher nicht vollständig und da ich persönlich es gar nicht so leicht finde, das zu reflektieren, bin ich über Hinweise sehr dankbar.

Durch mein Weiß-Sein

Andere Weiße sind mir gegenüber sehr freundlich. Allein, dass sie sich überhaupt mit mir abgeben, ist keine Selbstverständlichkeit. Aber auch Nicht-Weiße sind mir gegenüber meist freundlich oder wenigstens respektvoll. Deutsche genießen hier eigentlich ein hohes Ansehen. Ich werde oft auf Afrikaans mit "Meneer" oder Uncle angesprochen, was beides eine respektvolle Anrede ist. Seltener natürlich auch als Dshirumbu bzw. Mzungu2 (der Weiße).

Ich werde überall reingelassen (selbst wenn ich in komplett schmutziger Kleidung für irgendwelche mehr oder weniger sinnvollen Recyclingprojekte in Nobelrestaurants dumme Fragen stelle).

Ein "Right of Admission Reserved" Hinweisschild am Eingang eines Restaurants — ein Überbleibsel des Apartheid-Regimes?
Ein "Right of Admission Reserved" Hinweisschild am Eingang eines Restaurants — ein Überbleibsel des Apartheid-Regimes?

Da ich nicht nur weiß bin, sondern auch nicht asiatisch aussehe, wird mir keine Sinophobie3 entgegengebracht. Einem anderen deutschen Freiwilligen, den ich vor Kurzem getroffen habe, geht was hier wohl anders.

Durch meine Herkunft

Aufgrund meiner Herkunft habe ich viele Vorteile: Ich bin Bürger eines Sozialstaates mitsamt seiner Vorzüge, ich lebe in Wohlstand und hatte Zugang zu einem guten und gleichzeitig kostenlosen Bildungssystem. Daraus ergeben sich viele Privilegien:

Ich musste mein ganzes Leben noch nie hungern und konnte mir jederzeit gesunde Lebensmittel leisten. Auch jetzt, wo die Lebensmittelpreise steigen. Es hat ein wenig gedauert, bis ich festgestellt habe, dass Hunger selbst in diesem auf den ersten Blick doch relativ weit entwickelten Land Namibia ein Thema ist. Nicht, dass es hier nicht genügend Lebensmittel gäbe. Aber für manche sind die Preise einfach zu hoch, v. a. um sich gesunde Lebensmittel und abwechslungsreiche Ernährung zu leisten. Wenn dann z. B. Eltern auch noch alkohol-/drogensüchtig sind und sich nicht um Lebensmittel für ihre Kinder kümmern, kommt es auch mal vor, dass gerade Kinder Hunger leiden. Und das wiederum ist eine Spirale, wie der Dissens-Podcast "Armut fördert Mangelernährung und Mangelernährung fördert Armut" erklärt.

Auch muss ich sagen, ist es mir durch meine Herkunft überhaupt möglich, dieses Jahr hier zu machen. Denn mein Heimatstaat bietet das Programm weltwaerts-Programm an. Ich bin mir nicht sicher, ob es hier wirklich nichts Vergleichbares gibt, aber Namibier*innen sind öfters mal erstaunt, dass ein Staat für so etwas Geld ausgibt. Es gibt zwar im Rahmen von weltwaerts auch einen Süd-Nord-Austausch. Allerdings ist der sehr viel reglementierter und man kommt nicht so leicht rein.

Meine Entsendeorganisation zahlt mir eine Wohnung "in town", also außerhalb der Townships. Dadurch habe ich eigene Sanitäranlagen, feste Mauern und ein festes Dach über dem Kopf und vor allem ein sicheres Umfeld, in dem ich kaum Angst vor Einbrüchen etc. haben muss. Außerdem habe ich ein Fahrrad gestellt bekommen und bin damit mobiler als viele hier, gerade die, die nicht genügend Geld für ein Taxi haben. Und ich besitze ein Smartphone und kann mir die nicht ganz billigen mtc Aweh Tarife leisten, wodurch ich zum einen Zugang zum Internet habe, mit allem, was es so mitbringt, und zum anderen auch jederzeit Namibier*innen anrufen und ihnen simsen kann. Manche hier können oft keine Aweh Tarife leisten und haben dann kein Datenvolumen für Internet, oder sie können sich kein Smartphone leisten und besitzen nur ein "Tamagotchi", oder sie besitzen nicht mal das.

Ich habe genügend Geld, um hier auch mal reisen zu können und die vielen tollen Dinge im Land sehen. Auch das ist für viele nicht drin.

Ich habe quasi kostenlose und gleichzeitig gute Bildung genossen, ohne wirklich etwas dafür zu tun. Hier scheint es mir so, als ob man sich hier dafür eine Privatschule leisten muss.

Selbst während meines Aufenthaltes bin ich durch unseren Sozialstaat und das Gesundheitssystem abgesichert und muss mich vor vielen Gefahren nicht allzu sehr fürchten. Selbst, falls ich keinen Job finden sollte, wenn ich zurückkomme, werde ich nicht hungern müssen.

Apropos zurückkommen: Ich kann Namibia spätestens nach dem Jahr einfach so verlassen und weiter in unserem Elfenbeinturm Deutschland leben. Auch wenn mich schon viele gebeten haben, sie mitzunehmen, werden die meisten Namibier*innen nie die Möglichkeit haben, nach Europa zu kommen, bzw. Namibia zu verlassen.

Und auch das Hereinkommen war nicht unmöglich. Ich habe (zugegeben nach einer längeren Tortur) ein Study-Permit (Visum) mit der Erlaubnis, als Volunteer zu arbeiten. Außerdem wird mir in meinem Projekt Arbeit gegeben, obwohl die Arbeitslosigkeit in Namibia bei über ⅓ liegt.

Durch mein Cis-männlich-Sein:

Da ich ein Mann bin, werde ich nicht angegrabscht oder man versucht sich mir nicht auf unangenehme Art und Weise zu nähern. (Ich, als Mann war von solchen Dingen ja noch nie betroffen, allerdings denke ich, dass das für Betroffene in Deutschland nicht wirklich anders ist, nur scheint es solche Phänomene hier häufiger zu geben). Stattdessen fragen andere Cis-Männer öfters nach, ob ich hier eine Freundin habe, oder ob sie mir eine besorgen sollen. Oder Namibierinnen zeigen an mir Interesse und stecken mir ihre Handynummern zu. An beidem habe ich gar kein Interesse und während vor allem Ersteres mir eher unangenehm und befremdlich ist, pusht Zweiteres ja zumindest mein Ego. Beides ist mir aber in Deutschland noch nicht passiert.

Da ich nicht homosexuell bin, werde ich nicht als "Morphy" bezeichnet. Ich bin mir nicht sicher, wie man das schreibt und sowohl ich als auch Google kennen den Begriff nicht, aber meinem Verständnis nach bedeutet es so viel wie "Schwuchtel" und wird hier von vielen als Bezeichnung für homosexuelle Männer verwendet. Denen wird auch oft ihre Männlichkeit abgesprochen und sie werden als Frauen bezeichnet bzw. Partner von Homosexuellen als "girlfriend".